Ich hatte mir das Auto eines guten Freundes geliehen, der vorübergehend nicht aktiv am Straßenverkehr teilnehmen durfte:
Ein
blauer Passat Combi, nett zum Transportieren größerer Dinge, aber auch
sehr hübsch, um einfach durch die Gegend zu gondeln - das tat ich,
nachdem ich den Wagen als Transporter für einen großen Sessel benötigt
hatte.
Die Pfalz in der weiteren Umgebung von Ludwigshafen kann richtig schön aussehen, auch in einer solchen Jahreszeit:
Tristes
Novemberwetter, windig und recht kalt, aber auch irgendwie schön;
schließlich war es in dem Auto ziemlich gemütlich, mit Heizung und
Musik und einer warm wirkenden Sonne hinter den Autoscheiben! Bis der
Motor ausging...
Ich ließ den Wagen halb in einen Acker
rollen, um die schmale Straße in dieser Einöde nicht zu blockieren, und
ärgerte mich grün, weil der Motor einfach nicht mehr ansprang! (Später
wechselte ich von Grün zu Blau, der Grund dafür kommt noch.)
Dann fiel mir ein, dass wohl kein Benzin mehr drin sein müsse, obwohl
die Tankanzeige noch lange vor dem Aus stand, denn: ich Depp hatte
glatt vergessen, dass mein Kumpel kurz erwähnt hatte, die Tankanzeige
sei kaputt, und ich solle auf den Tageskilometerzähler achten und auf
das handgeschriebene Blatt mit den Tankmengen und Kilometerständen...
Also stellte ich mich ans Heck des Autos und hoffte, dass auf dieser
kleinen Straße jemand anhalten würde, um nach dem Grund meines weit
ausgesteckten Armes mit dem erhobenen Daumen zu fragen.
Übersehen
konnte man mich nicht: dazu stand der Wagen noch immer mit den linken
Rädern auf der Straße, und außerdem leuchtete meine rote, lange Jacke
vor dem blauen Auto in der Nachmittagssonne, die keinerlei Wärme
ausstrahlte.
Aber in den folgenden fast zwei Stunden
übersah man mich doch: geflissentlich nämlich! Meine etwas längeren
Haare wurden von dem eiskalten Wind von hinten nach vorne ins Gesicht
geweht, und auch die blaue Nase ließ wohl einen anderen Eindruck
entstehen als den, dass sie nur halbgefroren war: die Insassen von gut
25 vorbei fahrenden Autos schauten stur nach Vorne, registrierten mit
keiner Miene den frierenden, hungernden Menschen in einer Notlage! Kein
einziger Mensch schaute auch mit einem kurzen Blick zu mir, während sie
an mir vorbei düsten! Wahrscheinlich hatten sie Angst, ich könnte ihre
Scheu in ihren Augen entdecken.
So langsam kam eine
gewisse Unruhe in mir auf: in etwa zwei Stunden würde es dunkel sein;
sollte ich mich zu Fuß aufmachen, entlang der Straße wandern und
hoffen, dass bald eine Ortschaft auftaucht? Und hätten die dort in
einem wohl kleinen Kaff auch eine Tankstelle? Und würden die mir einen
Benzinkanister leihen, den ich dann wieder würde zurückschleppen müssen?
Oder sollte ich weiter hoffen und bei der Warterei erfrieren oder verhungern? Oder schlimmsten Falls beides?
Während ich so meinen inzwischen recht trüben Gedanken nachhing, hob
ich wieder schon automatisch den Arm für das nächste Auto; und ließ ihn
wieder automatisch sinken, jetzt doch langsam verzweifelnd...
Aber: das kleine gelbe Auto hielt an, fuhr einige Meter rückwärts bis zu mir! Ja, isses denn wahr! dachte ich.
Hinter der zögernd halb heruntergelassenen Beifahrerscheibe lugte ein
Gesicht einer jungen Frau, das deutliche Anzeichen von Skepsis und
"Dreimalvorsicht!" zeigte; am Lenkrad ein junger Mann, der zwar
neugierig, aber mit ebenfalls gehöriger Vorsicht und Zurückhaltung die
Frage seiner Beifahrerin verfolgte: "Haben Sie ein Problem?"
Wenn es mir nicht so schlecht gewesen wäre, hätte ich wohl gelacht und gesagt: 'Nö! Ich mach' nur 'nen Scherz hier!'
Aber meine Höflichkeit verbot mir das, und vor allem meine
Hilfsbedürftigkeit. Also beantwortete ich die Frage wahrheitsgetreu,
während meine Worte nur zögernd herauskamen: die Lippen waren auch
schon ganz steif, und deswegen verunglückte wohl auch freundliches
Lächeln...
Die beiden mussten mir aber leider eine Absage erteilen: kein Ersatzkanister an Bord!
Die junge Frau fragte noch kurz vor der Weiterfahrt, wie lange ich denn hier schon stünde?
Offensichtlich sah man es mir an, dass es gerade November war und ein eisiger Wind wehte...
Einige Zeit später geschah das Wunder: wieder waren einige Wagen mit
total teilnahmslosen Insassen vorbei gefahren, als ein kleines, gelbes
Auto hielt: eine junge Frau sagte durch das weniger als halbgeöffnete
Fenster mit immer noch skeptischer Miene, dass sie einen Kanister mit
Benzin besorgt haben...
Mein halbgefrorener Mund strahlte plötzlich wie der eines
Honigkuchenpferdes, mein Herz hüpfte vor Freude darüber, dass die
beiden ein Herz hatten für einen langhaarigen, blaunäsigen
Liegenbleiber, der vielleicht doch nichts Übles im Schilde führt!
Ihre Gesichtszüge wurden etwas entspannter, meine Freude musste sie
also getroffen haben; dennoch war immer noch Skepsis zu erkennen, als
ich der netten Frau mein einziges Geld, das ich dabei hatte - einen 20
Mark-Schein - durch den Fensterschlitz schob. Dann öffnete sie kurz die
Tür, übergab mir den Kanister, ich füllte um und gab den Kanister
zurück; mit dem dankenswertesten und freundlichsten Gesichtsausdruck,
der mir in dieser Kälte möglich war! Und meine Dankesworte waren zwar
kurz, aber sehr herzlich.
Die beiden fuhren ab, und nur kurze Zeit später ich ebenfalls.
Im nächsten kleinen Örtchen, der gut vier Kilometer entfernt war, sah
ich die beiden Retter vor ihrer Haustür, während sie irgendetwas aus
dem Kofferraum ausluden: ich hielt kurz an, stieg aus und klatschte
über das Dach des Autos hinweg lauten Beifall und winkte wie verrückt,
dabei "herzliches Dankeschön!" rufend.
Jetzt wirkten die beiden nicht mehr zaghaft und vorsichtig: sich
offensichtlich ebenfalls freuend winkten sie herzlich zurück, auch
noch, als ich weiterfuhr - direkt in den Abend hinein...
EPILOG
Ganz toll, dass sich die beiden trotz meines bestimmt nicht Vertrauen erweckendem Äußeren so hilfreich gezeigt hatten!
Es fällt offenbar schwer, Hilfe anzubieten, wenn eine Situation oder
ein Hilfesuchender nicht einem Standard entspricht, der sich außerhalb
des Familien- und Freundeskreises befindet.
Heutzutage - Anfang des Jahres 2010 - sind die Medien voll von
Meldungen, die das Wegsehen von Menschen beschreiben, während andere
Menschen verprügelt und dabei sogar totgeschlagen werden...
Ich war sehr oft in meinem Leben in Situationen, wo ich Hilfe benötigte; auch in fremden Ländern.
Und ich war immer in der glücklichen Lage, hilfsbereite Menschen zu treffen!
An dieser Stelle deshalb:
Wunderbaren Dank an all jene, die Mut und Kraft und Einsatz aufwenden,
um anderen Menschen zu helfen; - ungeachtet des Aussehens, einer
anderen Staatszugehörigkeit, einer anderen Hautfarbe, einer anderen
Einstellung zu was auch immer.
Und wenn sich jemand ebenso für hilfsbedürftige Tiere einsetzt, dann gilt mein doppelter Dank!