Eines Abends, es war schon dunkel geworden, wollte ich noch schnell den vollen Müllbeutel zur Tonne in den Hof bringen.
Ich wohnte damals im Erdgeschoss eines Dreifamilienhauses aus dem Jahr
1873; sehr schönes altes Gemäuer mit einer großen und hohen Einfahrt
von der Straße in den Hinterhof, wo sich außer einem riesigen
Walnussbaum auch noch zwei uralte Schuppen befanden, und außerdem Platz
für die kleine und fidele Hausgemeinschaft.
Von der Straßenseite her ein riesiges Tor, das zusätzlich eine kleine
Extratür für den normalen Hausbesucher besaß; am Ende dieser zehn Meter
langen, vier Meter breiten und vier Meter hohen "Eingangshalle", von
der auch die Zugänge zu den drei Wohnungen liefen, ebenfalls Tor und
Tür wie am Eingang.
Sowohl vorne als auch hinten alte, schmale Fensterchen über den Toren,
von denen eines schon seit vielen Jahren geborsten war und somit als
Einflugschneise für ein Schwalbenpaar diente; am Mittelträger an der
Decke der Einfahrt hatten sie schon einige Jahre in dem alten Nest
gebrütet.
Als ich das Licht anschaltete, - eine nackte Glühbirne recht hoch an
der Wand - , hörte ich plötzlich ein Geflatter und sah eine völlig
erschrockene Schwalbe auf dieser Glühbirne sitzen, die wild mit den
Flügeln ruderte!
So schnell, wie sie heiße Füße bekam, so schnell fiel mir siedendheiß
ein, dass die alte Vermieterin, die in Düsseldorf wohnte, im letzten
Herbst den Mittelbalken sanieren ließ: bei ihren jährlichen
Besuchen hier hatte sie der Schwalbendreck an dem T-Träger gestört;
unten machten wir natürlich ständig sauber.
Was jetzt? Mir klopfte wohl das Herz ebenso bis zum Hals wie dem armen
Schwalbenmann! Weit und breit nichts anderes als die blöde Glühbirne,
wo er die Nacht über sitzen und schlafen konnte!
Ich war alleine im Haus, alle ausgeflogen inklusive meiner Freundin...
Irgend etwas musste ich doch tun!
Okay, zunächst schnell das Licht wieder ausschalten, damit der Knabe
einen Sitzplatz hat; Schwalben können nicht auf dem Boden sitzen!
Während ich neben meinem Müllbeutel auf der kleinen Eingangstreppe im
schwachen Licht hockte, das der Mond durch die Fensterchen schickte,
hörte ich den armen Wurm herumflattern, der immer noch sein altes Nest
suchte und wohl die Welt nicht mehr verstand; bald nahm er notgedrungen
wieder die Glühbirne als Rastplatz.
Ich weiß nicht, wer wohl verzweifelter gewesen ist:
Der hockende Müllbeutelwegträger, der händeringend nach einer
Möglichkeit sann, diesem niedergeschlagenen Vögelchen irgendeine Hilfe
bieten zu können -
- oder der Schwalbenmann, der tausende Kilometer von Afrika hierher
zurückgefunden hatte, um das vertraute Nest für seine bald nachkommende
Gattin hübsch vorzubereiten für die jährlich wiederkehrende
Hochzeitsnacht?
Was mag einem solchen Wesen durch Kopf und Herz gehen, wenn es sich
nach einer solchen Strapaze seines Heims beraubt sieht, in dem schon
mehrmals die Nachkommen für eine Winterreise nach Afrika aufgezogen und
ganz allgemein auf die Welt vorbereitet wurden?
Heulen hätte ich können bei diesen Gedanken, und die Vermieterin an der Gurgel packen ob solcher Herzlosigkeit...
Im Hinterhof gab es auch eine kleine Glühbirne, die gottseidank nicht
mit der in der Einfahrt gleichgeschaltet war; also kramte ich in der
Halbdunkelheit aus einer der kleinen Scheunen eine lange, morsche
Holzleiter, die seit Ewigkeiten nutzlos herumlag und jetzt endlich zu
besonderen Ehren kommen sollte!
In die kleinen Risse auf der obersten Sprosse klemmte ich etwas Gras
ein, in der Hoffnung, dass es dem verzweifelten Heimkehrer gefallen
würde...
Diese drei Meter lange Leiter stellte ich dann an die gegenüberliegende
Wand des Parkplatzes der Schwalbe, knipste das Licht unter ihrem
Hintern an und hoffte...
Natürlich erschrak sie wieder, was mir in der Seele weh tat; aber ich wollte ja nur Gutes tun!
Schwalbenmann flatterte eine Weile herum, versuchte, sich wieder auf
die glühende Birne zu setzen; heiße Sohlen aber erforderten sofort
weitere Rundflüge...
Endlich entdeckte das Kerlchen die Leiter und probierte sie aus!
Keinem kann ich beschreiben, was ich in diesem Moment fühlte, als er sich neugierig auf seiner obersten Sprosse umschaute!
Mein eingeklemmtes Gras verschmähte er zwar, aber daneben machte er sich es bequem.
Eine ganze Weile saß ich noch auf den drei Stufen der Treppe und
schaute ihn an: Erschöpfung ließ ihn immer wieder die Äugelchen
zufallen; Unruhe oder auch die bange Frage: 'wie sag ichs meiner Frau?'
schreckten ihn aber immer wieder auf.
Schließlich machte ich das Licht aus und ging ebenfalls ins Bett.
Zwei
Tage später traf sein Weibchen ein (was bei Schwalbenreisen üblich
ist), das offensichtlich genau so verdutzt war wie der Gatte zwei Tage
zuvor.
Die beiden turtelten zuerst freudig auf der Leiter und
beratschlagten dann; 'Okay, was nicht mehr ist, ist nicht mehr! Bauen
wir uns ein neues Heim?' - so hatte ich das interpretiert...
Etwas traurig, die beiden nicht mehr unter der heimischen Decke zu
haben, aber freudig, dass sie wieder zueinander gefunden hatten, beende
ich diese Geschichte; viele Jahre nach dem Erlebnis, aber immer noch in
tiefer Erinnerung!