
Mein
Kater Mikesch hatte es sich in dem noch eingepackten Sonnenschrirm
unter dem Balkontisch urgemütlich gemacht, obwohl er ziemlich unsicher
dreinschaut: er war ja noch nicht lange bei mir, und so eine Freiheit
wie einen Balkon hatte er vorher wohl nie erleben dürfen!
Plötzlich
aber wurde er durch aufgeregte Töne hellwach: 'Da! Dort auf der
Balkonbrüstung tut sich was! Getzwitscher und Gepiepse! Nix wie hin!' -
nichts mehr von irgendeiner Unsicherheit war zu spüren...
Wie
ein geölter Blitz hatte er sich dann ein unerfahrenes Spatzenjunges,
das sich zwischen den Geranien neugierig umsah, aus dem Balkonkasten
geklaut und sauste damit quer durch die Wohnung, um wohl in einer
dunklen Ecke mit ihm zu "spielen".
Ich hatte allerdings entschieden etwas dagegen: also sauste ich hinterher!
Unter dem Wohnzimmertisch konnte ich Mikesch kurzfristig stellen und
sah dabei etwas Rotes auf dem Bäuchlein des Spatzenknaben, den er quer
im Maul hielt - oje, dachte ich, zu spät...
Meinen
lautstarken Aufforderungen im herrischsten meiner möglichen Töne, den
Bubi wieder in seinen Balkonkasten zu bringen, kam der Kater natürlich
nicht nach; im Gegenteil: eine Lücke in meiner Angriffsposition nutze
er geschickt aus und fetzte mit seiner Beute weiter durch alle Zimmer
der Wohnung - und ich natürlich wieder hinterher.
Weder im Schlafzimmer, noch in einer Ecke hinter dem Schreibtisch, noch
im Bad konnte ich den Brutalo zur Strecke bringen! Ins Wohnzimmer
traute er sich wohl nicht mehr, da er dort schon einmal fast gestellt
worden war.
Wieder
zurück in der Küche, in einem Eck neben der Balkontür, erwischte ich
den Räuber am Schwanz, und das behagte ihm überhaupt gar nicht: eine
Katze kann wohl nicht gleichzeitig protestierend miauen und
gleichzeitig seinen Fang im Fang behalten...
Das
kleine Federknäulchen nutze die Chance und zischte ab aus den Zähnen
des Häschers - und knallte genau gegen das Küchenfenster...
Dem
Mörderkater blieben nur einige kleine Blütenblätter der roten Geranie
übrig, die er verächtlich ausspuckte und sich dann mit mörderischer
Geschwindigkeit irgendwohin aus dem Staub machte!
Das war also das Rote, das ich schon als Zeichen der Apokalypse auf dem Bäuchlein des Spatzenbubis gesehen hatte...
Der
Federknirps hockte, gottseidank unversehrt, aber mit mit einem
wahrscheinlich gehörigem Brummkopf, völlig erschöpft auf der
Fensterbank zwischen den Blumentöpfen, nachdem er wieder und wieder an
das Glas der Scheibe geknallt war. Auf die Idee, dass er es direkt
neben dem Fenster durch die offene Balkontür versuchen könnte, ist er
in seiner Panik wohl nicht gekommen.
So konnte ich den kleinen Wurm rasch in die rechte Hand packen!
Sein
Herzlein raste wie wild; die wunderschönen Äugelchen waren weit
aufgerissen, das Schnäbelchen ebenfalls, um gierig atmen zu können; das
kleine Züngelchen lugte dabei weit heraus.
Als ich das
Viechlein so durch die Gegend trug und ihm dabei immer wieder über das
Köpflein strich und beruhigende Worte zuflüsterte, entdeckte ich die
kleine Sony auf dem Schreibtisch: DAS war es! Die Situation musste
festgehalten werden!
Ich schnappte das Teil mit der
linken Hand, ohne den geringsten Schimmer, welche Einstellungen ich
zuletzt verwendet hatte; auf dem Balkon schoss ich blindlings ein paar
Bilder in Richtung meiner rechten Hand mit dem kleinen Kerl darin.
Ergebnis:
natürlich mager; aber man kann schon erahnen, dass der Piepmatz anfangs
noch in heller Panik war und sich danach gehörig beruhigt hatte! Und
ich mich auch; mein Herz hatte beinahe so schnell geschlagen wie das
des beinahe-Opfers...
hastige Momentaufnahmen:



Nach
einer Weile war der Knirps wieder völlig ruhig; er blickte neugierig
herum, ohne sich befreien zu wollen! Gerne hätte ich ihn noch weiter
geknuddelt (es ist einfach unheimlich süß, so was in meiner Hand zu
spüren!), aber ich wollte ihn dann doch zu seinen Kumpels in den großen
Fliederbusch entlassen, also öffnete ich die Hand:
Spätzchen
blieb eine Weile zusammengekauert hocken, guckte sich nur um. Dann
stand er auf, schaute mir direkt ins Gesicht und meinte: "Piep!!" Ein
weiteres "Piep?" in Richtung Flieder, noch mal ein kurzer Blick zu mir;
und dann flatterte er zurück zu seiner Spatzenbande - und alle waren
glücklich...
...außer meinem Kater, der mich ziemlich vorwurfsvoll anmaunzte...