Pfingsten: eine Zeit des
Verschnaufens zwischen vielleicht hektischen Arbeitstagen, Sehnsucht
nach Natur und Erholung.
Das
kleine Zahnweh, rechts unten und ziemlich weit hinten, sollte mich
nicht weiter stören; so jedenfalls hatte ich es beschlossen.
Schließlich ist nach Pfingsten auch noch Zeit, zum Zahnarzt zu gehen;
und heute, am Donnerstag, ist eh kein Termin zu kriegen wegen so einer
kleinen Beschwerde: immerhin hatte ich es versucht, aber die nette
Zahnarzthelferin vertröstete mich mit lieben Worten auf die nächste
Woche. Okay, dachte und sagte ich, dann also bis nächste Woche!
Ich kam aber dort nie
an....
Freitagabends
…zog
ich mir die Reste meiner Schmerztabletten rein, aber die waren
wahrscheinlich schon zu alt; mir wurde es einfach nur schlecht davon.
Geholfen hat dann - zumindest ein klein wenig - eine große Ladung Bier
von der Tankstelle, aber auch nur für wenige Stunden.
Samstag vor Pfingsten:
An
diesem Morgen hatte ich nicht nur stärkere Zahnschmerzen, sondern auch
noch einen mörderischen Kater und einen verdorbenen Magen.
Alles
gefiel mir überhaupt gar nicht. Zuerst konnte ich mich nicht
entscheiden, was schlimmer ist; ich entschied mich aber für die
Schmerzen. Deshalb rief ich in meiner Not und mit knurrendem Magen ich
einen Notdienst in Mannheim an, - in meiner Stadt Ludwigshafen konnte
ich keinen finden! -, jedoch wurde mir mitgeteilt, dass die
Notsprechstunde nur von 10 bis 12 Uhr dauert und es sowieso zu viele
Notpatienten gibt, die sich dort schon befinden. Außerdem hätte ich ja
schon gestern anrufen können, wenn es so schlimm ist, und außerdem ist
es ja sowieso schon weit nach elf Uhr!
‚Danke, liebe
Zahnarzthelferin, ich wünsche dir zu Heiligabend einen entzündeten
Zahn!’ dachte ich, sprach es aber nicht aus, weil ich kaum noch
sprechen konnte.
Wortlos und mit einer aufgequollenen
rechten Gesichtshälfte, die eher meiner rechten Gesäßhälfte entsprach,
hob ich danach an der Tankstelle ein Sixpack hoch mit der Andeutung,
dass ich das gerne bezahlen würde. Die Andeutung wurde verstanden,
sogar mit einer mitleidigen Frage, was denn auf der einen Seite meines
Gesichts los sei! „Znschmrzn“ brachte ich gerade so zwischen den
zusammengepressten Lippen heraus, und erntete Mitgefühl und die besten
Wünsche.
Das Sixpack bzw. sein Inhalt bewirkte aber nichts, rein gar nix! Außer, dass ich natürlich heftig einen in die Krone bekam.
Gegen Abend lief ich Amok im Wohn- und Schlafzimmer, auch in der Küche und auf dem Balkon; den Flur nicht zu vergessen!
Mein
rechtes Auge sah kaum noch, wohin ich trampelte, weil der Schmerz bis
dorthin Einzug gehalten hatte; das linke Auge sah auch nur sehr wenig,
weil es im Tränenwasser schwamm...
Fast irre zog und
rüttelte ich mit den Fingern an diesem blöden Ding, das ja sowieso
schon recht wackelte wegen den Paradonthoseproblemen: ich wollte es
einfach loswerden! Aber mit den Fingern ging es nicht, und die Rüttelei
trieb die Schmerzen in Höhen, die ich gar nicht für möglich gehalten
hatte: ich dachte bisher, dass sie schon auf dem Gipfel angelangt wären!
Also formte mein gemartertes Hirn eine Idee: ‚Nimm eine Zange!’
‚Bist
du jetzt vollkommen durchgedreht?’ erwiderte ich und erkannte aber
gleichzeitig, dass dies eine Lösung sein könnte, bevor wir beide in der
Tat vollkommen durchdrehten; außerdem hatte Hirni ja schon des Öfteren
grandiose Einfälle in heiklen Situationen gehabt…
Eine Zange
aus meinem Werkzeugkasten war schnell da: ich stellt mich vor den
Spiegel im Bad, was eigentlich Unsinn war, weil ich ja sowieso kaum
noch etwas sehen konnte, aber immerhin erkannte ich mich; und
wahrscheinlich wollte ich dem irren Typen wenigstens halbwegs in die
Augen sehen, der mir so etwas antut.
Mund aufgerissen, Augen ebenfalls, Zange angesetzt und zugepackt, nach einer halben Sekunde mit der Zange abgerutscht...
Meine Fresse!
Zahn lockerer, aber noch drin und vor allem: Der Schmerzengipfel erreichte schon wieder eine ungeahnte Höhe...
Jetzt
konnte ich aber nicht mehr zurück! Die Zange war wohl nicht geeignet;
also hurtig an den Kasten: da gab es noch eine größere Zange, die etwas
gebogen war (abgekröppt oder wie das heißt, was mir aber in dem Moment
völlig egal war).
Mit geschlossenem Mund jammernd wieder
zurück zum Spiegel: Mund auf, Zange rein, zugepackt und die Zange mit
einem noch heftigerem, aber immer noch unterdrücktem Jammern, das aber
gleichzeitig auch ein Ansporn zur letzten, verrückten Aktion sein
sollte, mit einem heftigen Ruck nach rechts weggezogen –
Zahn raus und durch die Wucht des Zuges gegen die Wandfliesen geknallt!
Vor
lauter Schreck ließ ich auch noch die Zange fallen, die einen Abplatzer
am Rand des Waschbeckens hinterließ und beim Absturz auf meinen großen
nackten Zeh knallte; natürlich mit dem schwersten Teil, das so eine
Zange aufweisen kann; der gummi-ummantelte Griff hätte ja
logischerweise nicht genügt…
Innerhalb von zwei
Sekunden überlegte ich, wie ich diese Blessuren an der Wand, am
Waschbecken und auf dem Zeh wohl wieder wegbekommen würde? Dann aber
widmete ich mich der Realität in meinem Mund und verschob die anderen
Probleme.
Erstaunlich: schon nach wenigen Sekunden des Blutspuckens war der Schmerz kaum noch zu spüren!
Nach
dem relativ kurzem Ausbluten über dem Waschbecken hab ich mehrmals mit
einer Mischung aus Wasser und viel Teebaumöl gespült, um einer
Infektion vorzubeugen; diese Prozedur genoss ich regelrecht, denn der
Aberwahn in meinem Mund und in meinem Kopf war weg!
Pfingsten
konnte ich nun vollauf genießen: nicht nur mit dem Abfotografieren der
Marterwerkzeuge und dem Opfer, sondern auch in der herrlichen Natur in
der Umgebung...
BILDER!
Zugegeben: ein wenig
(mindestens!) verrückt bin ich ja schon, wie der geneigte Leser schon
festgestellt haben wird; diesmal aber war es doch schon eine überaus
ungewöhnliche Aktion, die mich aber vielleicht vor dem Irrsinn gerettet
hatte…
Hatten Sie schon einmal Zahnschmerzen?